Pro Evolution Soccer (PES) 2015 – Test / Review

    Traditionell läutet Konami seine Kampfansage gegen den vermeintlichen Fußball-Platzhirschen FIFA jedes Jahr aufs neue ein. Dabei erwies sich die Pro Evolution Soccer, kurz PES, Serie als ein stetiges Auf und Ab, die mal mehr und mal weniger gut mithalten konnte. Wir zeigen euch, wie sich PES 2015 schlägt.

    Die Features von PES 2015 im Trailer (Englisch)

    [box_light] PES 2015 wurde am 13. November für PC, Playstation 3, Playstation 4, Xbox 360 und Xbox One veröffentlicht. Unser Test basiert auf der Spielerfahrung für Xbox One.[/box_light]

    Moment, geht meine Uhr falsch? Wir haben ja schon Mitte November, seit wann erscheint denn das neue PES so spät im Jahr, wo doch die Konkurenz ihr Fußballspiel schon längst auf den Markt gebracht hat? Nein, es ist in der Tat pure Absicht seitens Konami, dass PES 2015 in diesem Jahr mit etwas Verspätung kommt. Um es vorweg zu nehmen, wir können nach etlichen Spielsessions auch nur begrüßen, dass man PES nochmals auf den Qualitätsprüfstand geschickt hat. Auf der diesjährigen GamesCom hatte ich sowohl FIFA 15, als auch PES 2015 angespielt und ich muss gestehen, dass mich FIFA deutlich mehr beeindruckte. Jetzt aber sind beide Spiele erschienen und siehe da, mein neuer Favorit heißt Pro Evolution Soccer.

    Es ist ja mittlerweile schon nerviger Standard geworden, dass man als Konsolero nicht einfach das Spiel ins Fach schiebt und loszocken kann. Die Spiele, die ohne Day-One Patch auskommen, geht man mittlerweile suchen. So auch PES 2015, nach dem Start folgt zunächst das Update. Wer sich die Mühe macht und mal die Patchnotes zum Spiel durchschaut, der wird aber auf einen etwas anderen Inhalt treffen, als man vermuten sollte. Statt ellenlanger Logs zu Balancing, Bugfixes und Co., bringt der Day-One Patch von PES 2015 fast nur neue lizensierte Mannschaften. Juchu, mehr Inhalt statt technischem Feinschliff im Nachhinein. Das heißt umgekehrt, dass man mit dem erschienenen Spiel wohl so ganz zufrieden ist und wie ich feststellen musste, liegt Konami damit auch ziemlich richtig.

    Was mir sofort ins Auge sprang, war die neue Grafikengine. Das Eigengewächs Fox-Engine, dass schon in Metal Gear Solid V: The Phantom Pain für Staunen sorgte, kommt auch im diesjährigen PES zum Einsatz. Die Power der Engine merkt man spürbar an jeder Ecke und Kante des Spiels, sie sorgt für ein deutlich gesteigertes Realitätsempfinden. Die phänomenalen Regeneffekte sorgten in meinem Falle dafür, dass ich jedes Freispiel im Dauernass spielen wollte. Es sieht großartige aus, wie die Tropfen durch das Bild perlen und sie den Rasen langsam tränken. Noch ein paar Grätschen hinterher geschoben und der Wembleyrasen gleicht einem Acker aus dem Ruhrpott. Beim Zoom kann man jedem Grashalm einzeln beim Wedeln im Wind beobachten. Nur aus der Fernsicht wirkt das Grün etwas zu satt und matt.

    Pro Evolution Soccer 2015
    Nie sah ein PES schöner aus

     

    Dank Fox Engine sehen jetzt auch die Gesichter der Spieler detaillierter aus, wobei auch PES von der allgemeinen Krankheit befallen ist, dass Superstars einfach wesentlich besser in Szene gesetzt wurden als B-Kicker. Richtig klasse gelungen sind die Animationen, die tatsächlich an die realen Vorbilder erinnern. Das fiel mir besonders bei Spielen mit unserer Deutschen Nationalelf auf. Ein Lukas Podolski wird zur Dampfwalze, während ein Thomas Müller gelegentlich schlaksig durch die Abwehrreihen des Gegners wuselt. Und wenn es hart auf hart kommt, huscht Manuel Neuer als Libero fix aus seinem Kasten oder bäumt sich in all seiner Größe vor dem Gegner auf. Wer auf solche Feinheiten achtet, der erlebt mit PES 2015 ganz großes Kino!

    Zur besseren Spielbarkeit hat man deutlich am Tempo gedreht, PES 2015 spielt sich wieder etwas langsamer. Das lässt dem Spieler mehr Zeit zum Überlegen, welchen Spielzug man starten möchte oder wohin die nächste Flanke geht. Das ist nicht nur näher am wirklichen Fußballspiel, das sorgt auch für mehr Flair und taktische Tiefe. Man hat nicht die ständige Angst, aus lauter Not irgendeine Aktion durchführen zu müssen, sondern bekommt vom Spiel auch kurze Denkpausen angeboten, um den Pass zu planen. Dieses Muster merkt man zwar generell im Spiel, ist aber auf jeden Gegner abgestimmt. Eine defensiv stehende Mannschaft aus Timbuktu lässt euch natürlich wesentlich länger nichtstuend gewähren als die Tiki-Taka Spieler aus Spanien.

    Weiterhin erhielt die Schussmechanik eine spürbare Überarbeitung. Sie benötigt mit dem filigranen Einsatz der Schultertaste etwas Eingewöhnung, aber wenn man den Dreh raus hat, sind damit wunderbare Schüsschen drin. Mit oder ohne Effet, ob Vollspann oder Picke, es scheint nahezu alles möglich. Wer die Schusstechnik beherrscht, wird im Tricksystem seinen neuen Meister finden. Mit dem rechten Analogstick sind allerhand Kunststückchen drin, die ohne Übung allerdings gerne im Ballverlust enden. Da hilft dann nur das Sprinten hinterher oder im perfekten Zeitpunkt eine Schwalbe. Richtig gehört, man darf wieder den fliegenden Holländer spielen.

    Den eben gebrachten Vergleich mit der Mannschaft aus Spanien kann man im Prinzip auf jedes Team übertragen. „PES ID“ heißt hier das Zauberwort. OK, wir haben das jetzt nicht allen verfügbaren Teams getestet, aber die, die man bei Turnieren immer mal wieder erlebt, sind gut ins Spiel transportiert. Beispielsweise sind wir ähnlich wie unsere Nationalelf bei der WM 2014 gegen stark defensiv stehende Algerier angelaufen, während diese auf Konter lauerten. Die Italiener setzten in unserem Test voll auf die Flankengenauigkeit von Andrea Pirlo, während Argentinien immer Lionel Messi im offensiven Zentrum suchte. Alle Spielerwerte sind auch auf Wunsch direkt im Spiel abrufbar, sollte man den ein oder anderen Kicker nicht kennen. In der Summe sind uns übrigens keine groben Patzer in den Stats aufgefallen.

    Pro Evolution Soccer 2015
    Statistiken zum Spieler gibts auf Knopfdruck

     

    Der große Knackpunkt für viele Spieler ist in Sachen Pro Evolution Soccer jedes Jahr der gleiche: Die offiziellen Lizenzen. Und die fehlen auch in diesem Jahr wieder, was sich in Trikots und Sponsoren wiederspiegelt. Für wen dieser Fakt ein unumgängliches Muss darstellt, der kommt an FIFA einfach nicht vorbei. Auch bei der Auswahl an Stadien hat PES 2015 das Nachsehen, denn es stehen nur 14 Arenen zur Auswahl, von denen manche rein fiktiv sind.

    An Modi findet man unter den üblichen Turnieren, Ligen und Freundschaftsspielen jetzt den Modus „myClub“, der die Online Meisterliga ersetzt. Neben weiteren Allstars wie Champions League, Europa League und Asia Cup sind zwei südamerikansche Turniere hinzugekommen. Aber nochmals kurz zurück zu myClub: Statt zu viel Eigenarbeit zu leisten, setzen wir hier gleich mehrere Agenten auf unsere Wunschkandidaten an und basteln mit viel Fleiß unser Team zusammen. Das System ist interessant und fair gehalten, denn als Neuling können wir nicht gleich Top-Agenten und somit auch Weltklassespieler unter Vertrag nehmen. Viel mehr erspielt man sich Respekt und Rum, im Spiel auch in Form der Echtwährung. Damit füllen wir langsam aber stetig unser Konto und können so auf das Ziel einer Verpflichtung hinarbeiten. Mit Fair meinen wir übrigens, dass PES nicht auf pay2win setzt. Für einen Sieg gibt es 1500 Coins und einen wirklich guten Manager samt Spieler kann man bereits mit 10.000 Coins verpflichten. Neben den myClub Coins erhält man für das Lösung von Aufgaben, wie z.B. eine bestimmte Anzahl an Flanken schlagen, zusätzliche Münzen.

    Im Multiplayer sorgt der Role Controle Modus für frischen Wind. Statt sich einen Spieler auszusuchen dürfen nun drei Gamer zeitgleich auf den Platz, aber jeder übernimmt einen eigenen Feldabschnitt. Spieler 1 die Abwehr, Nummer 2 das Mittelfeld und der Dritte im Bunde den Sturm. Damit läuft man nicht Gefahr, dass alle blind dem Ball hinterher rennen. Außerdem wird so das Spielgeschehen deutlich freundschaftlicher und kooperativer, weil Egomanen in ihre Schranken verwiesen werden.

    Für die passende Untermalung per Kommentar hat man erneut Hansi Küpper und Wolff Christoph Fuss ins Boot geholt. Die beiden machen eigentlich einen guten Job, kommen gelegentlich aber etwas unterkühlt rüber. Immerhin passen die Kommentare zur jeweiligen Spielsituation, in PES 2015 erleben wir kein Desaster wie in FIFA 15. Konami scheint an Soundschnipseln gespart zu haben, man bemerkt häufiger bei Wiederholungen auch die gleiche Sprech-Prosodie und wenn man etwas genauer darauf achtet, stört das mitunter ziemlich stark. Den Fangesängen fehlt für unseren Geschmack etwas mehr Wumms, wobei wir damit nicht meinen, dass sie blechern oder hohl klingen. Aber es fehlt an Leidenschaft und Emotionalität, die doch so wichtig für den Fußballsport ist.

    Pro Evolution Soccer 2015
    Für Portugal darf natürlich nur CR7 die Freistöße schießen

     

     

    Fazit

    Für mich ist die Sache eindeutig: Der Thron für das beste Fußballspiel des Jahres geht an Konami, denn PES 2015 verweist FIFA 15 im Gesamtbild ziemlich deutlich in seine Schranken. Und das sah erst gar nicht danach aus, umso erfreulicher ist es, dass man die Verzögerung von satten zwei Monaten tatsächlich für das nötige Feintuning genutzt hat. Frei nach dem Motto „Gut Ding will Weile haben“ hat sich die Mehrzeit mal so richtig gelohnt. Eigentlich macht PES fast alles richtig, wäre da nicht dieses leidige Thema mit den Lizenzen. Die Bundesliga macht mit ihren paar vertretenen Vereinen so einfach nicht den gleichen Spaß, wie bei der Konkurenz. Es wäre wirklich an der Zeit, diese nervigen Lizenzregularien aufzuweichen, denn an Charme büßt PES Jahr für Jahr einfach unnötig Punkte ein. Rein vom Spielerischen her passt alles gut zusammen. PES 2015 spielt sich sehr direkt, realitätsnah und lässt genügend Denk- bzw. Freiräume für taktische Feinheiten.

    pes2015

     

    Kind der 70er. Seit '84 Musiker, seit '85 Hobby-Jedi, seit '86 Zocker und seit 2011 hier Redakteur